Das Mädchen der Märchen

Bevor der Regen ihr abenteuerliches Spiel zwischen den Marktständen beendete, kroch sie unter den Tischen, schlüpfte durch gestapelte Waren, entkam dem Gendarm und jagte die Räuber.
Ihr Atem ging hastig und beruhigte sich nur schwer.
Ohne den Regen war sie kaum zu bändigen und weder von der einen noch von der anderen Hand konnte sie abzählen, wie oft ihre Mutter sie am heutigen Tag rügte; zu oft schlurfte ihre Kleidung durch den Schlamm, den Stand hatte sie nicht im Auge und gerade starrte sie viel zu viele Löcher in die Luft.
Natürlich interessierte das den kleinen Wildfang herzlich wenig. Ihrer Mutter war ja gar nicht klar wie ungeheuer wichtig es war, dass sie sich jetzt nicht mehr ablenken ließ! Dabei wussten doch alle ganz genau, dass es die Regentage waren, welche die geheimnisvolle Erscheinung des Märchenmädchens prophezeiten.
Es machte sie ganz fuchsig, dass ihre Mutter und die Stadtbewohner kein Interesse an dem Mädchen der Märchen zeigten. Sie beachteten sie kaum und hinterfragten auch nichts. Einige der Älteren bezeichneten sie sogar als Denkmal. Dabei war sie ein lebendiges, echtes Mädchen!
Der kleine Wildfang hingegen, ließ nicht locker. Ab dem ersten Tropfen musste sie sich auf die Lauer legen. Sie durfte den kreideweißen Felsen am Stadttor nicht mehr aus den Augen lassen. Das war das Wichtigste.
Sobald das Märchenmädchen erschien, versuchte sie stets so viel wie möglich herauszufinden. Nicht einmal das Märchenmädchen selbst oder ihre umständlichen Antworten, konnten den Wildfang von der neugierigen Fragerei abhalten. Zwar dauerte es unheimlich lange ihre Worte zu deuten, doch irgendwann beherrschte sie die Sprache des Märchenmädchens und las in den Worten wie zwischen den Zeilen eines Buches.
So entdeckte sie das erste Geheimnis: Es war der langsamste Regen, der zählte. Der Niesel, der einem das Gesicht kitzelt. Lediglich bei diesem Niederschlag kam es vor, dass ein besonderer Tropfen einen eigenwilligen Weg wählte. Obwohl alle Tropfen gemeinsam fielen und sie sich optisch allzu ähnlich sahen, war dieser einzigartig. Nach seinem Aufprall entglitt er seiner Familie. Er erhob sich aus der Masse und steuerte seinen nassen, kleinen Körper schwerelos gegen den Fall. Dieser besondere Tropfen schenkte dem Märchenmädchen ihr Leben.
Während das Mädchen der Märchen es gegen die Natur nannte, empfand es der kleine Wildfang als Wunder. Augenblicklich nachdem sie von diesem wundervollen Tropfen wusste, nahm sie sich vor ihn zu finden. Sie wollte mehr Zeit mit dem Märchenmädchen verbringen, daher war es nur logisch, dass sie einem Wiedersehen unter die Arme griff.
Bei zartem Regen stampfte sie in jede noch so kleine Pfütze. Aus den Großen schöpfte sie mit ihren Händen, ja sogar mit Schaufeln. Das alles tat sie, um die Tropfen in die richtige Richtung zu treiben – allerdings ohne Erfolg und so entschied sie sich innerhalb der Regenzeit abzuwarten. Sich wie heute auf die Lauer zu legen, damit ihr kein aufsteigender Tropfen entgehen würde. Sie bewahrte ihre Ruhe und mit der Zeit gewöhnte sie sich an diese neue Geduld.
Schon bald würde sie entdecken, dass dieser Tag vorhatte ihre Ausdauer zu belohnen.
Überall hätte der Tropfen emporsteigen können, weit außerhalb ihrer Reichweite, begrenzt durch die mahnenden Worte ihrer Mutter. Stattdessen löste er sich direkt aus der winzigen Pfütze vor ihrem Tisch.
Sie sah ihn nicht sofort.
Als er die Höhe der Tischkante erreichte, kullerte ihr Blick ins Leere – gemeinsam mit ihren bunten Gedanken. Beinahe wäre der schwebende Tropfen ihr entgangen, aber bevor das geschehen konnte, schüttelte sie gerade noch rechtzeitig ihre dunkle Mähne und verscheuchte den anschleichenden Tagtraum. Sie zwinkerte die kühlen Tropfen, die durch das mitgenommene Stoffdach sickerten, aus ihren Augen und dann entdeckte sie endlich den Tropfen.
Sofort war sie hellwach, sprang auf und folgte dem wandernden Nass. Wie zu erwarten führte er sie ohne Umwege zu dem kreidebleichen Felsen.
Er stoppte. Sie stoppte. Der Regen stoppte.
Der nasse Tupfer rumpelte – so sehr, dass der kleine Wildfang glaubte, die Erde bebe gemeinsam mit ihm. Gleich einer wachsenden Seifenblase gewann er an Größe. Sie kniff die Augen fest zusammen und versuchte zu erkennen, was sich innerhalb des Tropfens verbarg, obwohl es sich zunehmend schwieriger gestaltete, ihre eigene Spiegelung darin zu ignorieren. Mit aller Mühe unterdrückte sie das Bedürfnis ihre Augen zu schließen, um sie somit von dem gemeinen Brennen der Anstrengung zu erlösen. Es musste schließlich etwas unglaublich Magisches darin hausen, wenn es dem Märchenmädchen Existenz verlieh!
Das, was jedoch im nächsten Moment folgte, erreichte zunächst ihre Ohren.
Ganz leise vernahm sie einen klitzekleinen Schmatzer und mit dem nächsten Blinzeln saugte sich der Mund des Märchenmädchens an der kleinen Tropfenblase fest.
Mit einem Zug verschwand der Tropfen und das Mädchen der Märchen war vollständig zu sehen; mitten auf dem kreidebleichen Felsen, ihre Geschichten erzählend – als wäre sie niemals fort gewesen.
„… Wellen aus windigen Bläschen bilden den Fluss, der sich erhebt und unter dem Gesang der lebenden Sterne…“, formten ihre Lippen. Energisch, zaghaft, begleitet von rhythmischen Gesten im Takt ihrer melodischen Worte.
Wenn jemand dachte das Mädchen wiederhole ihre Märchen, dann lag derjenige nicht unbedingt falsch. Richtig war es jedoch genau so wenig, denn identisch waren ihre Geschichten nie. Ihre Stimmlage, der Blickwinkel und das Gefühl, das von ihrer Zunge bis in den Bauch flötete, änderten sich.
Der kleine Wildfang freute sich. Sie hatte den Tropfen entdeckt. Sie war ihm gefolgt und konnte das Erscheinen des Märchenmädchens mit ihren eigenen Augen bestaunen.
Es war dieser spannende Augenblick, indem der Entschluss des kleinen Wildfangs Fuß fasste. Sie hatte es längst herausgefunden. Alles war nämlich wahr und es gab sie wirklich. Die immer wiederkehrenden Talgruben. Die gefärbten Flüsse, der surrende Gesang der Sterne, sowie die lachenden Treppen. All die kleinen Wegweiser, die zu den quietschenden Brücken führten und letztlich vor der tiefen Talgrube endeten.
Der kleine Wildfang ahnte, welch atemberaubende Entdeckungen auf sie warteten.
„Ich weiß es.“, raunte sie verschwörerisch. „Du bist da gewesen! Ich bin deinen Worten gefolgt! Sie alle enden immer bei der tiefen Grube. Du bist nie weitergegangen. Niemals in die Talgrube.“
„Das brauche ich nicht.“
Der Wildfang stutzte, denn sie war es nicht gewohnt eine direkte Antwort zu erhalten. Ohne jegliche Suche oder Interpretationen.
„Möchtest du nicht sehen, was danach kommt? Wir können zusammen gehen!“
„Ich kann nicht.“
„Natürlich kannst du! Du und ich.“
Sie stand auf und reichte dem Märchenmädchen ihre Hand.
„Ich gehöre hierher.“
„Ich weiß nicht, wie du es machst, aber ich weiß, dass du nicht immer hier bist.“
„Es gibt Regeln.“
„Welche? Verbieten sie ein Abenteuer? Du kannst doch machen was du magst! Ich möchte es auch sehen!“
Das Mädchen der Märchen überlegte kurz, ehe sie in die Tasche ihres Kleides griff und eine kleine, gläserne Schale zückte. Das Glas war gefüllt mit schimmernden Regenbläschen, die sich gegen den Deckel pressten. Eine Sammlung aufsteigender Tropfen. Sie erlaubten ihr außerhalb ihrer begrenzten Zeit zu wandern.
Ihr Blick schweifte von der Schale zurück zu dem kleinen Wildfang.
„Du kannst doch machen was du magst. Ich fürchte das sagen auch Schurken. Besser, ich behalte dich im Auge.“, flüsterte sie und der Wildfang lachte.
„Lass uns gehen!“
„Und dann?“
„Dann springen wir!“

Das Märchenmädchen nahm ihre Hand.

Das Mädchen der Märchen ist für meine liebste Motivation – Danke <3 !


 

2 comments on “Das Mädchen der Märchen

  1. Beim lesen lässt die Geschichte schöne Bilder im Kopf entstehen, I like 😉

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