Ihre schönste Narbe ~ Leseprobe

Die junge Rimanra Shana und ihre Freunde erleben erstmals einen bedrohlichen Stillstand ihrer Natur. Die ausbleibende Vollendung des Mondwechsels hinterlässt vernichtende Spuren, verstrickt sie in bizarre Begegnungen und löst die Ketten einer alten Geschichte.

Werden sie einen Weg finden den fortschreitenden Verfall aufzuhalten? Welche Rolle spielen die vermehrt skurrilen Erscheinungen? Und wer oder was birgt den Schlüssel für das erlösende Ende der Vergangenheit?

Leseprobe ‚Ihre schönste Narbe‘

 

Prolog

Die farbenfrohen Bäume und Blüten, welche Noor umzäunen, habe ich bereits vor Tagen hinter mir gelassen.

Umso tiefer ich in das Innere des Waldes vor­dringe, desto deutlicher nehme ich seine Verände­rung wahr. Mit jedem Schritt spüre ich, wie die Oberfläche seines Bodens an Erde abnimmt und an ihrer Stelle nun pelziges, weiches Moos meine nackten Füße umschmeichelt.

Sein kühler, klarer Atem füllt meine Lungen. Der erfrischende Duft seiner saftigen Blätter ver­mischt sich mit dem Lieblichen der Rinden.

Nur hier wachsen diese besonderen Bäume, die ich so sehr liebe. Breite, lange Wurzeln, die größ­tenteils verflochten aus ihren Körpern herausra­gen, ehe sie sich in der Erde verankern. Giganti­sche Stämme um die jeweils weitere Schmale wachsen, deren junge und filigrane Äste jeden zu groß geratenen Abstand zwischen den liebkosen­den Körpern aufspüren und sich mit dem Ganzen verweben, sodass sie keinesfalls auf das Beiwoh­nen der Umarmung verzichten müssen.

Gemeinsam strecken sie sich und bilden ihr ge­waltiges Dach an Ästen, deren metergroße Blätter meine Sicht auf die Kronen und den Himmel ver­sperren.

Kein einziger Lichtschimmer erreicht hier un­ten den Boden.

Ich breite meine Arme aus und schmiege mich an einen dieser wunderbaren Bäume. Sie reichen bei weitem nicht aus, um ihn vollständig einzu­fangen. Mindestens viermal, wenn nicht sogar fünfmal, müsste ich hier stehen, um seinen Um­fang zu bewältigen. Vielleicht würden sich dann sogar meine Fingerspitzen hinter seinem Rücken berühren. Allerdings stehen die Chancen mich zu vervielfältigen nicht sonderlich gut.

Ohne mich weiter daran zu stören genieße ich den Moment der Unvollständigkeit.

Die endlos erscheinende Tiefe unserer Wälder, ihre andauernde Nacht, ihr Atem und ihre Berüh­rung beruhigen mein bewegtes Herz gemächlich.

Erschöpft, von meiner bisherigen Reise, sinke ich in den Schoß der Wurzeln, schließe meine Au­gen und lasse mich von den hauchfeinen Klängen der Natur in einen Dämmerzustand versetzen.

Abrupte Schritte brechen durch die natürliche Ruhe.

Das deplatzierte Knistern des Bodens, welches nicht ich verursache, beendet mit Leichtigkeit das einsetzende Gefühl von Vertrauen und Stille und versetzt meinen Körper rasant zurück in seine ge­wohnte Hab-acht-Stellung. Sicherlich im Über­maß ausgeprägt aus der Angst heraus bei meinen unzähligen Flausen erwischt zu werden.

Wer soll sich denn hierher verirren? Im Inners-ten des Waldes bin ich bisher weder auf Tiere noch auf andere Menschen gestoßen — ich muss mich getäuscht haben.

Und doch — allzu deutlich vernehme ich weite­re Schritte.

So vorsichtig wie möglich erhebe ich mich aus den Wurzeln und schleiche auf die andere Seite des Baumes.

„Ah, ein düsterer Ort.“, kichert eine mir unbe­kannte, männliche Stimme.

Erneut muss ich mir die Frage stellen, wer, au­ßer mir, sich ausgerechnet hierher verirren soll?

Ich klettere den Stamm hinauf, damit ich im Schutz der Äste einen Blick auf den Fremden er­haschen kann. Zwischen den sperrigen Blättern entdecke ich ihn. Ein schlaksig hochgewachsener Mann. Ich kann mich nicht erinnern jemals, in­nerhalb eines Wimpernschlages, einen solch selt­samen Eindruck von jemandem gewonnen zu ha­ben. Vielleicht muss ich näher ran. Ich sehe zu we­nig.

Zu lang windet sich hinterrücks sein aschiges Gewand. Es ähnelt dabei einem Reptil mit zu üp­pig tragendem Hinterteil, wenngleich sich auch nichts darunter zu verbergen scheint.

Er ist nicht alleine. Neben ihm steht ein anders­artig verwunderliches Mädchen. Ich weiß nicht, warum auch sie befremdlich auf mich wirkt. Ich empfinde es einfach so. Von ihr sehe ich noch we­niger. Sie steht vor ihm — reicht ihm gerade bis zu seiner Hüfte. Ein Kind? Obwohl! Er scheint be­sonders groß zu sein. Endlich tritt er zur Seite!

„Ich hoffe, du wirst dich hier wohlfühlen!“, gluckst er.

Ein Blick in sein längliches Gesicht genügt, um zu erkennen, dass er keineswegs meint was er sagt. Seine schwarzen Augen, eingerahmt von kupfer­braunen, welligen Strähnen, fixieren das Mäd­chen.

Seine Mundwinkel zucken vergnügt.

Seltsam asynchron; erst rechts, dann wieder links. Etappenweise wachsen sie auf diese Art an seinen Wangen entlang und breiten sich, dort an­gekommen, in ein garstig hämisches Lachen aus.

Grotesk. Alles an ihm.

Mit seinen langen, schlanken Fingern greift er nach dem Kinn des Mädchens. Ihr Gesicht ist nun dicht an dem Seinen. Ihr perlrubinrotes Haar fällt tief, fließt in ihre Kleidung — nein! In ihre Haut? Stoff und Haar scheinen ein und dasselbe zu sein. Kann das wirklich sein? Der Übergang wirkt un­natürlich geschmeidig und an ihren Hüften stellt sich das Kleid aus. Ich versuche einen Blick auf ihr Profil zu erhaschen, doch scheitere.

Es folgt eine unerwartet ruckartige Bewegung ihrerseits, mit der sie seine Berührung abwehrt.

„Zu schaaaade, Naaita. Ich hätte unseren Ab­schied und deine un-ver-gleichbare Trauer gerne noch etwas ausgekostet“, schmunzelt er, ehe seine Stimme schlagartig umschlägt. „Aber dieses Ge-sicht langweilt mich zu Tode!“

Er redet ungeschickt. Brüchig, mit einer alar-mierenden Schärfe, die mit den willkürlich lang gezo­genen Buchstaben schwingt. Ich kann nicht beurteilen, ob er die Worte bewusst falsch betont, aber es klingt zum aus der Haut fahren!

Ohne eine Reaktion seiner Begleiterin abzu-warten, wendet er sich ab und verschwindet schlenkernd hinter dem farbenreichen Netz der Bäume.

Naaita, wie diese sonderbare Gestalt sie ge­nannt hat, steht exakt, wie auch zu Beginn des Ge­schehens. Nach wie vor kann ich ihr Gesicht nicht sehen.

Ich frage mich wieder und wieder, was die Bei­den wohl hierher verschlagen hat? Dem einseiti­gen Gespräch zufolge hat er sie in den Wald ge­führt, um sie zurückzulassen. Wiederhole ich den Gedanken, klingt er unsinnig. Schließlich kann man in den Tiefen des Waldes nicht leben.

Meine Muskeln machen sich bemerkbar. Die Angespanntheit meines Körpers beginnt sich weh­rend zu lösen.

Mein Atem, den ich instinktiv zu kontrollieren versucht habe, damit ich nicht durch meine Aufre­gung entlarvt werde, flacht ab. In der neuen Stille, die dieser Mann hinterlassen hat, klingt er jetzt unerträglich ohrenbetäubend.

Von meinen Beinen, die bis gerade eben jeder­zeit bereit gewesen sind die Flucht zu ergreifen, strahlt nun ein unangenehmes Kribbeln aus.

Mein Körper mag sich mäßig beruhigen, doch das Gefühl der lauernden Gefahr hindert mich da­ran, von dem Geäst herabzusteigen und auf das Mädchen zuzugehen.

Immer noch keinerlei Regung ihrerseits.

Ich sollte verschwinden, warnt mich meine in­nere Stimme.

 

 

Der
Mondsturz

 

 

Sachte hebt Shana den Vorhang des Fensters beiseite und sieht auf die Allee herab, die von dem freundlichen Wirtshaus hinweg zum großen Marktplatz, dem Zentrum der Stadt, führt.

Farbenreich, von vergangenen Monden geprägt, bilden die verschiedenen Bäume ihre Reihen. Da­runter einige, die ihr blaues, müde gewordenes Kleid von ihren Körpern streifen. Behutsam entle­digen sich ihre Blüten, Blätter, Zweige und Stämme der Farbe des alten Mondes und hinterlassen nackte Hüllen.

Nicht alle, von ihm gezeichneten Pflanzen, müs­sen ihr derzeitiges Farbenspiel einbüßen; während es die einen weiterhin kleidet, geben andere es stellenweise frei und wieder andere bleiben, wie sie sind.

Es gibt ohnehin Pflanzen, die die Farbe des Mondes, mit dem sie gemeinsam entstanden sind, ein Leben lang tragen.

Außerdem sind die Farben nur eine mögliche Art der Veränderung. Bei so manchem Gewächs ver­ändert sich sogar die bisherige Form. Es kann durchaus sein, dass runde, blaue Früchte mit dem nächsten Mond plötzlich lila werden und schlauch-artig wachsen.

Die Beobachtung der Pflanzenentwicklung fällt in den Aufgabenbereich der Wechselforscher. Sie sind es, die die Veränderungen verfolgen, erken­nen und dokumentieren. Darüber hinaus bestim­men sie auch, ob Früchte und Gemüse, die im Mondjahr zuvor essbar waren immer noch zum Verzehr geeignet sind.

Keiner kann vorhersagen, in welchem Ausmaß der neue Mond Aussehen und Wachstum beein­flusst. Zuverlässig sind nur die Temperaturen: Warme Farben deuten auf ein sommerliches und kalte Farben wiederum auf ein kühles Mondjahr.

Ein Blick in den Himmel reicht Shana, um zu erkennen, dass es nur noch wenige Tage dauert bis der Mond, der Canhjas Natur vierhundert Tage lang geprägt hat, endgültig verglüht.

Mit seinem derzeit unscheinbaren Glimmen, kündigt er bereits das Ende seiner Ära an.

Unter dem Verlust seines imposanten Volu­mens ist er kaum noch von einem kleinen Stern zu unterscheiden und sein blauer, kühl zuckender Schein richtet sich mit letzter Kraft auf seinen fül­ligen, jedoch farblosen Nachfolger.

Das Schwinden seines Lichtes ist die Vorausset­zung für die Sichtbarkeit des Neumondes, denn der erhebt sich zu Beginn nur zaghaft, geradezu durchsichtig aus dem Hintergrund.

Es fällt schwer ihn vom Himmelszelt zu unter­scheiden und doch rückt er in erstaunlich kräftiger Masse an den Alten heran — drängend, auf seinen Sturz wartend, um seinen Platz einzunehmen.

Das Ableben des alten Mondes und die Ent­wicklung des Neumondes, kündigen die himmels­leere Zeit an. Anschließend folgen die dunklen Tage und Canhja wird erst wieder in Licht ge-taucht, wenn der neue Mond seine eigene, leuch­tende Farbe preisgibt. Die Farbe, mit der er ihre Welt prägen und nähren wird.

Sie beobachtet das kühle Grau, welches sich zu­nehmend um die beiden Monde herum ausweitet. Weiße und schwarze Brüche reißen sich durch das Firmament; mutieren, die letzten bläulichen Nu­ancen verschlingend, zu einer lichtarmen, tristen Kulisse.

Jetzt erhellen ausschließlich die Laternen ihre Stadt und der mangelnde Takt macht es schwer, Morgen und Abend auseinander zu halten.

Mit dem einläutenden Ende des blauen Farben­spiels werden Haus und Hof, sowie Straßen und Plätze festlich geschmückt und Vorfreude treibt rege Bewegung in die frühen Stunden. Munter be­reiten sie sich alle auf den Mondwechsel vor.

Bald wird der Alte endgültig verglühen.

Tabula rasa für Canhja.

Shana schließt den Vorhang und richtet sich auf. Es ist ihr unmöglich, weiterhin dem hekti­schen Gewusel der Stadt zuzuschauen, während aus Thinyas Küche ein so köstlicher Duft in ihr Zimmer hinaufsteigt, der ihren Magen schmerzlich daran erinnert, dass sie wieder tagelang nichts An­ständiges gegessen hat. Keine weitere Minute fähig zu verweilen, entscheidet sie sich, ihr Zimmer zu verlassen und nach unten zu gehen.

Die morschen Treppen, die ihr selbst jeden Gast ankündigen, verstummen unter ihren eigenen, lautlosen Schritten.

Obwohl Shana findet, dass Thinya viel zu schreckhaft ist, kündigt sie sich, die kleine Gast­stube betretend, mit einem sanften Räuspern an.

Vor zig Monden hat sie eingesehen, dass ihre Fähigkeit, sich praktisch geräuschlos fortzubewe­gen, der Wirtsherrin eine Hand voll Nerven kostet. Shanas Schleicherei, wie Thinya es stets nennt, scheint etwas zu sein, an das sie sich niemals ge­wöhnen wird.

„Shana“, lächelt Thinya. „Guten Morgen.“

„Guten Morgen.“

Sie setzt sich an den runden Holztisch, direkt vor der brodelnden Küche und betrachtet die hek­tischen Bewegungen der Wirtsherrin. Unmittelbar versenkt Thinya mehrere, großzügige Schöpflöffel in der wohl größten Schüssel, die Shana je gesehen hat.

„Danke. Noch eine für Mato.“, sagt Shana, die Matos Schritte bereits vor einigen Minuten ver­nommen hat.

„Ist er schon da?“, fragt Thinya.

„Er kommt gleich rein.“, bestätigt Shana.

Ohne zu zögern, füllt Thinya eine weitere, dampfende Schüssel, die in Augenhöhe ihres Soh­nes Halt macht, als dieser zur Türe hineinkommt.

„Danke.“, murmelt er, greift nach der Schüssel und setzt sich zu Shana.

Sein Haar und die Kleidung sind praktisch zer­wühlt. Ein Anblick, der Bände spricht. Seit den ersten Anzeichen des kommenden Mondwechsels hat er offensichtlich kaum ein Auge zu getan; zu groß ist seine Neugierde auf die bevorstehende Veränderung und Entwicklung der Wälder Canh-jas. Müdigkeit senkt seine Lider und verdeckt er-drückend seine sonst so wachen, grünen Augen — bereit jede Sekunde zu fallen. Trotz seines jungen Alters gehört er zu den großen Nummern der Wechselforscher, denn keine noch so kleine Ver-än­derung entgeht seinem brennenden Eifer.

„Hast du etwas entdeckt?“, fragt Shana.

„Nein.“

„Es ist noch zu früh.“

„Vermutlich.“

„Gehst du nochmal los?“

„Nein. Wenn ich es nicht rechtzeitig zum Mond­sturz zurückschaffe…“, er deutet vielsagend auf seine Mutter und gibt dann die Frage zurück. „Du?“

Sie verneint kopfschüttelnd.

„Niemand geht jetzt noch in die Wälder! Das Fest beginnt ja schon bald!“, funkt Thinya be­stimmend dazwischen. Ihr mahnender Klang hat einen Austausch von vielsagenden Blicken und be­stätigenden Grinsen zur Folge.

Die Unterhaltung wird durch ein dumpf klop­fendes Geräusch von der anderen Seite der Türe unterbrochen.

Einmal. Zweimal. Fragend sieht Mato zu Shana.

„Es ist Coa.“, sagt sie, ohne aufzusehen.

Er möchte gerade aufstehen, um seiner Frau zu Hilfe zu kommen, da streckt sich bereits ihr Fuß durch den geöffneten Spalt und die besiegte Türe schwingt vollends auf.

Allerdings sind zunächst nur zwei eng um­schlungene Bäumchen in einem breiten Blumen­topf, verziert mit blassen Mosaikplättchen, zu er­kennen.

„Das ich das noch erleben darf! Shana hat sich geirrt. Es ist nicht Coa. Heute bekommen wir Be­such von einem Blumentopf!“, lacht Mato.

„Witzig.“, reagiert Shana trocken und verdreht die Augen.

Hinter dem kleinen Baumpaar kommt Coas ro­safarbener Schopf zum Vorschein.

„Habt ihr es schon mitbekommen?“, stellt sie aufgeregt die Frage in den Raum, während sie et­was holprig den Topf auf die Theke, zwischen Kü­che und Tisch, befördert.

„Was haben wir mitbekommen?“, fragen Shana und Thinya, während Mato wissend nickt.

„Es gibt zwei Neumonde!“, berichtet sie fröh­lich.

„Du Romantikerin“, lächelt Shana.

„Es ist sehr romantisch! Und es ist wahr! Sie haben ihn schon vor Stunden gesichtet. Mit deinen Augen allein hast du bestimmt keine Chance ihn zu sehen.“

„Es ist ein Märchen.“

„Eine Sage!“, berichtigt sie ihre Freundin. „Und sag mir nicht, dass dich das nicht neugierig macht! Es ist ein Phänomen! Weißt du wie lange es zu­rückliegt, dass ein zweiter Neumond zu sehen war?“, strahlt sie, sichtlich fasziniert; bereit alle­samt mit ihrem Feuer anzustecken.

Augenblicklich beschließt Shana sich nicht an dem Unterschied von Märchen und Sage aufzu­hängen.

„Natürlich interessiert es mich. Und das? Hast du das extra für das Fest gesteckt?“

„Ja. Das sorgt für die richtige Stimmung! Die Stellung der Monde streut Fieber! Wir haben alles komplett umgestaltet. Es wird schließlich nicht nur für einen Mond gefeiert! Sondern für zwei, Shana! Zwei!“, sagt Coa, um der ungewohnten Si­tuation der Monde Nachdruck zu verleihen.

„Selbstverständlich!“, grinst Shana.

„Auf jeden Fall bin ich mir sicher Thinya möchte auch einen Topf haben, bevor alle weg sind.“

Stolz präsentiert sie die Bäumchen, deren Hälse und violett blühenden Köpfe sich zaghaft berüh­ren.

„Es sieht bezaubernd aus, Coa! Und du hast recht!“, sagt Thinya und begutachtet ihr Geschenk.

„Seid ihr mit der Dekoration fertig?“, fragt Mato.

„So ziemlich. Meine Eltern kümmern sich noch um den Feinschliff. Da lassen sie sich nicht reinre­den.“

„Ich sehe es mir gleich an.“

„Sehr gerne. Ich führe dich rum.“, liebevoll er­widert Coa Matos Blick.

Die beiden sind seit geraumer Zeit ein Paar und im vergangenen Mond haben sie Nägel mit Köpfen gemacht und geheiratet. Beneidenswertweise er­gänzen sie sich nicht nur privat, sondern auch bei ihrer Arbeit.

Coa, Erbin des Blutes von Mutter Natur, steht im direkten Kontakt zur Pflanzenwelt. Sie teilt die Gefühle von Bäumen, Sträuchern, Gräsern und Blumen.

Mato, der mit einer chemischen Verbindung geboren wurde, versteht sich besonders auf das Leben der Erde und als er entschied, sich den Wechselforschern anzuschließen stand es außer Frage, wer ihn bei der Erkundung der Wälder be­gleiten würde.

Genau wie die Verbindung zwischen Erde und Pflanzen, existiert eine vergleichbare Beziehung zwischen Coa und Mato. Sie sind ein unschlagba­res Team.

„Shana? Auch eine Privatführung?“, zwinkert Coa ihr zu.

„Nein, danke. Ich drehe alleine eine kleine Runde. Wir sehen uns später.“, antwortet sie knapp und setzt das Gesagte in die Tat um.

„Achte auf die Stellung!“, ruft Coa ihr nach und Shana kann sich ein Auflachen unmöglich ver­kneifen; allerdings auch nicht den Blick in den Himmel.

Sie erinnert sich gut an das alte Märchen. Es handelt von der unglückliche Liebe zweier Monde, die zueinander finden, sobald sich ihre Körper überschneiden und somit letztendlich Körper und Seele vereinen.

Eine nette Geschichte, wie sie findet und ihrem Herz wird gleich wohlig bei dem Gedanken daran. Schmunzelnd denkt sie, dass sie das aber für sich behält.

*

 

Gemächlich füllt sich der Marktplatz. Wer noch nicht eingetroffen ist, bewegt sich darauf zu oder bereitet sich hektisch vor. Aufgeregte Kinder toben zwischen den Laternen und der Allee umher, wäh­rend die restlichen Bewohner spannende Diskus­sionen über den kommenden Mond und seinen mysteriösen Begleiter führen.

Dicht an Shanas Beinen vorbei rauscht ein jun­ges Mädchen in einem festlichen, lavendelfarben-en Kleid. Aufgeregt ruft sie nach ihrer Mut­ter und versucht dabei den flatternden Stoff im Zaum zu halten. Das Ringen kostet ihre gesamte Aufmerk-samkeit und sie verliert kurzerhand die Kontrolle über ihre Füße, die sie daraufhin prompt zu Fall bringen. Gelandet, blickt sie halb verblüfft, halb erschrocken in die fliederfarbene Wolke, die sich plötzlich um sie herum ausbreitet.

Logisch folgernd hebt sie ihren Arm in die Höhe und be­trachtet den offenen Beutel, der daran baumelt und ungehalten seinen Inhalt verstreut.

Unglücklicherweise ist es das Pulver, das tradi­tionell vor dem Mondsturz zum Einsatz kommt. Es wird durch Steine gewonnen und ist in jeder er­denklichen Farbe vertreten.

Während dem Mondsturz wird es in den großen Messingkessel auf dem Marktplatz geschüttet. Auf diese Weise wünscht man sich die Farbe des Neu-mondes.

Unentschlossen darüber, ob sie husten, weinen oder den Steinstaub einfangen soll, hockt sie in­mitten der rieselnden Farbenpracht, die allmäh­lich ihren gesamten Körper bedeckt. Ihre Mimik entscheidet den Kampf und sie beginnt unge­hemmt zu weinen.

Shana erreicht das Mädchen, greift mit beiden Händen nach ihr und hebt sie auf ihre Arme. Trä­nenüberflutete Augen öffnen sich schmal und sie spürt die Trauer des kleinen Herzens in einem Winkel ihres Eigenen.

„Shh. Alles ist gut.“, raunt Shana und streichelt ihr zaghaft über den Rücken. Das Mädchen unter­bricht den Tränenschauer, um gleich nach der Identifizierung ihres Gegenübers wieder aufs Neue loszulegen.

„Shaaaanaa. Buhuuuuu!“, schluchzt sie lauthals.

„Shhh.“

„Me…ein Puhuulv…äääääär…“

Jetzt eilt auch die Mutter herbei. Der in Flieder getauchte Boden und die Finger ihrer Tochter sprechen für sich.

„Puuhuul…ver…“, stammelt sie weiter.

„Ja, mein Schatz. Das passiert. Wir holen dir ein Neues. Danke Shana. Das ist schon die dritte Runde. Bald müssen sie neue Steine für uns mah­len, glaub mir das!“, lächelt sie ergeben und bevor sie sich, mit ihrer Tochter in den Armen, auf den Weg macht, flüstert Shana der Kleinen leise zu: „Einen schönen neuen Mond wünscht du dir.“, woraufhin die kleinen verquollenen Augen auf­leuchten und sie ein schüchternes Lächeln preis­gibt.

Sie sieht dem Kind und ihrer Mutter noch nach, als Mato sich breit grinsend neben sie gesellt und beginnt ihr freundschaftlich den Kopf zu tätscheln.

„Lass das!“, faucht sie mit einem prüfenden Blick in ihre Umgebung. Ihr Gesicht ziert rote Fle­cken.

Sie ist so unehrlich, denkt er und lacht.

Gerade erreichen sie den Marktplatz, da kommt ihnen Thinya, völlig aus dem Häuschen, zügig ent­gegen.

„Da seid ihr ja! Immer verschwindet ihr stun­denlang! Bis man euch wieder eingesammelt hat… ach… fehlt nur noch Coa. Wo habt ihr sie gelas­sen?“

„Sie kommt gleich nach. Wo sitzen wir?“, fragt er.

„Mir nach.“, fordert sie und geleitet Shana und ihren Sohn durch das Gedränge. Hin zu einem der langen Tafeltische.

Zu jedem Mondsturz werden diese, in kreisbil­denden Reihen um die Mitte des Platzes aufge­stellt. Zwischen ihnen liegt ein Weg frei, der zu dem übergroßen Messingkessel in der Mitte führt. Der Kessel beansprucht den meisten Platz und nimmt seine Rolle erst zum Höhepunkt des Festes ein.

Von der Erhöhung des Platzes hat man sowohl einen perfekten Ausblick auf den unteren Teil der Wälder als auch auf den Horizont, der sich darü­ber hinaus erstreckt.

Shana und Mato schlängeln sich durch die laut besetzten Tische. Mato bleibt hier und da stehen, um jemanden zu grüßen, während Shana schnur­stracks auf den Tisch zugeht, auf den Thinya im­mer wieder zeigt.

Shana entdeckt Coas Mutter, Onia. Sie sticht aus der Masse heraus, da sie auf der Sitzbank steht und vermutlich ihren ersten Trinkspruch präsen­tiert.

Um dem Gedränge zu entkommen, schummelt Shana sich an Thinya vorbei. Jetzt erkennt sie auch den Rest der Feiernden. Neben Coas Familie sind, mit Shana, jetzt auch die Rimanras vollzählig vertreten: Shanas Eltern und der alte Ragg, natür-lich grimmig drein­schauend wie immer.

Herzlich begrüßen alle die Neuankömmlinge – bis auf Ragg, der allerdings immerhin sein höf­lichstes Grunzen zum Besten gibt. Die feiernde Gruppe schafft krachend drei Lücken, die Mato, Thinya und Shana dankend wieder schließen.

Die Oberfläche des Tisches offenbart das intakte Gelage. Sechs gewaltige Krüge drehen hier ihre Runde und sogleich schwant Shana Übles. Vage erinnert sie sich an ihre erste Bekanntschaft mit einem der süffigen Blütenliköre. Alle vierhundert Tage wird er in der Farbe des stürzenden Mondes hergestellt und zum Fest serviert.

Wohlwissend, dass ihm keiner entkommt – wo­bei selbstverständlich außer Frage steht, dass ihn je einer abzulehnen gedenkt – bereitet sich Shana auf ihr Schicksal vor, denn sie weiß, dass schon ein zweites Glas genügt, um sie vollkommen aus der Bahn zu werfen.

Mit ihren siebzehn Mondjahren kommt sie heute zum zweiten Mal in den Genuss des Liköres und bevor der Gedanke daran in ihr zu schütteln beginnt, schenkt Onia ihr bereits ein ordentliches Glas ein. Randvoll und gnadenlos schwankt das kristallblaue Nass.

Mit einem leichten Stoß in ihre Seite macht Mato auf sich aufmerksam.

„Das eine wird schon. Um den Rest kümmere ich mich. Ich möchte dich ja nicht wieder heimtra­gen.“, zwinkert er und langt theatralisch an seinen Rücken.

Trotz der peinlichen Erinnerung an das letzte Fest, atmet Shana erleichtert über die Unterstüt­zung auf, stößt mit ihrem Glas an und nimmt ei­nen mickrigen Schluck. Weich und süß schmei­chelt der Likör ihrem Mund samt Rachen. Doch so lecker er auch sein mag – Shana weiß es besser und nimmt sich vor, sehr lange an diesem Glas zu nippen.

„Was gibt es denn da hinten zu tuscheln? Und was sehe ich? Dein Glas ist ja noch voll!“, fegt Onia, wie zu erwarten, über ihr kurzlebiges Vorha­ben.

„Nein, nein… das ist nicht mein Erstes…“, ver­sucht Shana zu tricksen, wird aber sofort von ihrer Mutter, Nowonali, lachend unterbrochen: „Lügen konntest du noch nie! Fang jetzt nicht damit an!“

Im perfekten Moment erscheint Coa, setzt sich an den Tisch und Mato nutzt die Ablenkung.

„Ich trinke für dich.“, flüstert er Shana zu.

„Zum Glück hat er die ganze Immunität gegen das Zeug abgegriffen.“, scherzt Coa.

„Nicht so schüchtern! Es ist genug für alle da.“, lacht Onia, diesmal an ihre eigene Tochter gerich­tet.

„Wunderbar!“, entgegnet Coa und ihre Mutter nickt wohlwollend.

Shanas Glück hängt an diesem Abend anschei­nend an geleerten Gläsern. Die Erkenntnis treibt sie schier in die Verzweiflung. Mato kann sich auf etwas gefasst machen!

So wird nach hiesigem Brauch mit wilder Vor­freude in den Mondsturz gefeiert. Es wird gelacht, gesungen und die Einwohner ehren den blauen Mond mit dem Blütenlikör.

Unterdessen vertauscht Mato insgeheim immer wieder sein leeres Glas mit dem Vollen von Shana.

Erst das beginnende Schauspiel des Mondes be­sänftigt das Chaos der Stimmen. Nach und nach beansprucht er gefesselte Augenpaare.

„Der alte Mond hat begonnen zu flackern.“, ver­kündet Lulee, Coas Großmutter. Canhjas Bewoh­ner erheben sich vereinzelt und sammeln sich um den blubbernden Kessel.

„Es geht los.“ „Mach dich bereit!“ „Wo ist mein Pulver?“ „Es ist gleich soweit!“, vernimmt man aus der Menge.

Nicht jeder erwischt einen Platz am Kessel; so bildet sich vor ihm eine meterlange Schlange, die durch die aufgereihten Tische reicht. Das Schluss­licht bildet sich erst an der prachtvoll geschmück­ten Allee, die zum Marktplatz führt.

Einer nach dem anderen zückt seinen kleinen Beutel, gefüllt mit den gemahlenen Wunschfarben seines Besitzers und schüttet es in den Messing­kessel.

Sobald das Pulver das brodelnde Wasser be­rührt, steigen Nebelschwaden des Farbtones hoch in die Luft, wo sie sich schließlich entfalten und nach kurzer Zeit eine bunte Decke entsteht.

Shana erreicht den Kessel, zückt ihren eigenen Beutel aus ihrer Hosentasche und kippt das Stein­pulver vorsichtig hinein. Sogleich entweicht der grüne Ton. Unterdessen folgt Coas Blick ihrem lichten, korallenfarbigen Nebel. Ihr gegenüber leert Mato sein honiggelbes Pulver und straft Shana mit Blicken.

Zu Unrecht, wie sie meint. Nach diesem kühlen Mond mag Mato sich zwar nach wärmeren Tagen sehnen, womit er ihnen auch ständig in den Ohren gelegen hat, doch sie würde ihren Wunsch nach einem grünen Mond eher als mild denn kalt titeln.

Als sie sich abwendet sieht sie wie der alte Ragg, wie immer als Einziger, mürrisch sein bernstein­farbenes Pulver in das Wasser kippt und sich leise schimpfend wieder versucht aus der Masse zu kämpfen. Man sagt, er wünsche sich den Mond einfach nur aus Verdrießlichkeit. Es spiegelt gar seinen Charakter, behaupten viele.

Shana zweifelt stark daran. Er mag nun wirklich kein Strahlemann sein, aber allzu übel ist er auch nicht. Wie die meisten Rimanras ist er eben ein Einzelgänger. In etwas höherem Ausmaß. Im Ver­gleich zu ihr oder ihren Eltern. Aber warum er sich ausgerechnet diesen Mond wünscht, der lang vor ihrer Zeit für Ärger gesorgt hat, kann sie sich nicht erklären.

Es heißt, sein Schein habe sich über ihre Wälder gelegt, sich verfestigt und somit das gesamte Le­ben stillgelegt. Fragwürdig ist der Wunsch allemal.

Neben ihren Gedanken schließt auch der letzte Einwohner das Ritual ab und es scheint, als habe der Mond diesen Zeitpunkt ebenso erwartet wie Canhja.

Gebührend zelebriert er seinen Auftritt. Lichter werdend beginnt er aufzuflackern, ganz so, als würden ihn zwei packende Hände heftig schütteln. Wissend, dass er angemessen gefeiert wird, tänzelt er durch den letzten bläulichen Schimmer, den er sich für diesen Anlass aufgespart hat.

Kurz darauf verlässt er seinen Platz. Im Sturz kaum noch von einer Sternschnuppe zu unter­scheiden, trennt er sich von seinem Thron.

„Der Mond ist gestürzt“, ruft die Menge und die Gläser schellen aneinander.

Das Mondjahr ist zu Ende und das farbliche Erwachen der neuen Monde, wird freudig erwartet.

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