Wenn der Perfektionismus das Bild versaut

Mut!

Zuerst fiel es mir etwas schwer den Perfektionisten und Kritiker voneinander zu unterscheiden. Jedoch, umso leiser der Kritiker wurde, desto leichter fiel es mir den Perfektionismus herauszufiltern.

Der Perfektionist meldet sich einfach super gerne zu Wort. Worauf er mit dem Finger zeigt, bepinselt dann gern der Rotstiftfetischist.

Während der Kritiker mich winzig klein machte und mit Beleidigungen um sich warf, wie ein gelangweilter Popcornrowdy, war der Perfektionist bei weitem nicht so bösartig, allerdings auch niemals zufrieden.

Mit genau dieser Eigenschaft, trieb mich der Korrektur-Nimmersatt so manches Mal in die Verzweiflung.

Wenn er es dann wieder auf die Spitze getrieben hatte, blockierte er mich. Dann hatte ich einfach keinen Mut mehr etwas zu beginnen.

Wobei ich mich immer wieder wundere, was für eine Wahrnehmung diese beiden Helden mir bescheren.

Wenn meine Freundin mir von einem neuen Bild erzählt und sich über die Fehler auslässt, frage ich mich stets, wo denn das Problem ist. Sie ist super gut und weiß das sogar! Trotzdem nagt der Perfektionismus an ihr und (in ihrem Fall) hält Händchen mit dem Ehrgeiz.

So sage ich ihr, dass es dafür keinen Grund gibt…

Doch dann sehe ich mich auch selber und weiß, dass es nicht hilft, wenn wir zusammensitzen und uns loben. Ich zweifle nicht an unserer Aufrichtigkeit und mit Sicherheit sind wir auch nicht undankbar, aber wir betrachten unsere Bilder und sehen letztlich nur noch diese Fehler. Nichts anderes. So war es ziemlich lange.

Wenn ich früher ein Bild gemalt habe und es fertig war, war ich zunächst froh. Zufrieden. Für zwei Stunden bis zwei Tage. Danach ging es los.

Ich entdeckte Fehler für Fehler, geradezu besessen. Find-it-Suchti! Spätestens am dritten Tag musste besagtes Bild schleunigst weg.

Erst kommt der Perfektionismus. Charme und Eigenwille lässt er nicht gelten. Er findet alle Fehler, sät Zweifel und Unglück und dann reagiert der Kritiker.

Was soll das? Das sieht doof aus. Warum hast du so Probleme mit den Brauntönen? Jetzt mischt du es schon und es wird immer noch nichts! Lichtfehler! Faltenfehler! Anatomischer Fehler! Alle möglichen Fehler!

Beim Schreiben ist es ähnlich. Korrektur ist das Eine. Klar möchte ich, dass alles richtig ist und stimmt.

Ich hatte bereits erwähnt, dass mein Korrekturbedarf ein Nimmersatt ist. Da gibt es die Fehler, die ich beim Runterschreiben immer mache. Dafür habe ich sogar eine kleine Liste, damit ich diese schnell abarbeiten kann (z.B. V|W- oder V|F-Fehler. Viel, fiel, Verse, Ferse, wagen, vage… passiert mir am laufenden Meter, dass ich die im Fluss durcheinander würfele).

Anstatt mich andauernd selbst in den Rotstiftwahnsinn zu befördern, hilft mir mittlerweile oft ein „Ja und?“

Klingt simpel? War es für mich nicht. Ich musste es lernen, genauso, wie den Umgang mit dem Kritiker Mies. Ein wenig meine Engstirnigkeit bekämpfen und etwas mehr Mut an den Tag legen. Der Mut zum Fehler bzw. zum über den Fehler hinwegkommen, um weiterzugehen. Nun, zumindest für mich spielt der Mut auf jeden Fall eine Rolle in dem Ganzen. Früher habe ich mich sogar ein wenig für meine kreativen Resultate geschämt. Es waren eben alle immer besser und hatten nicht immer so viele Fehler.

Das „Ja und!“ steht nicht für Gleichgültigkeit. Natürlich möchte ich mich verbessern,

Natürlich möchte ich besser werden und ich verstehe gut, wenn man nicht das Gefühl haben möchte auf einer Stelle zu treten. Aber ich musste auch erkennen, dass ich eine gewisse Ruhe brauche, um nicht an einem wunden Punkt stehen zu bleiben. Zufrieden sein, mit dem was geschafft ist. Was nicht ganz einfach ist, wenn mich der Perfektionismus bei Kritiker Mies anprangert.

Letztens habe ich ein Bild gemalt – frag mich bitte nicht wie ich es geschafft habe – das ging echt komplett daneben. Ich hatte eine gelungene Skizze auf Din A 5 gezeichnet, war selig und habe es dann auf 40×50 umgesetzt. Mit Farben losgelegt und ein paar Tage später war ich so gut wie fertig.

Und dann sehe ich, dass es voll schief ist. Echt, also so richtig. Außerdem hab ich wohl gleich eine ganze Schulter vergessen… und ich musste lachen.

Klar, ist es schon ärgerlich wegen der Zeit. Aber letztlich doch auch nicht so ein Drama. Ich habe viel Neues ausprobiert und wahrscheinlich war ich zu sehr auf die Techniken fokussiert, sodass ich echt das Gesamtbild verhunzt habe.

Ja und? Was soll‘s? Ich male es nochmal. Warum einen Fehler so ernst nehmen, dass es einen in die Unlust treibt und vielleicht sogar eine Blockade auslöst?

Das war’s mit meiner kleinen Blogserie „Heute brauchen du und ich eine Menge Wein“! Eigentlich waren es die großen Themen, die mir am Herzen lagen und die mich selbst lange Zeit  beschäftigt haben, bis ich meinen Weg gefunden hatte. Ich hoffe es war vielleicht auch für dich von Nutzen! 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.