Mit dir in deiner Kammer

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Unsere Zeit vergeht ein wenig mit Gefühl. Eilig, sobald unser Herzschlag steigt und mit liebevoller Gemütlichkeit bei gemäßigtem Takt. In dieser Gemütlichkeit offenbarst du deine Bilder. Ich beobachte ihre Entstehung und ich beobachte dich.

Werkzeuge brauchst du nicht.
In deiner Kammer malst du mit deinen Augen.
Mit jedem Blinzeln fügen deine Wimpern einen Teil deiner Geschichte hinzu. Selbst in der langsamsten Sekunde weist ihr Schwung auf deine Kraft.
So erklärst du es mir.
Ich versuche auf die Bilder zu antworten, dir mitzuteilen, wozu ich gekommen bin – du lässt es nicht zu.
Du hast keine Zeit mehr mich anzusehen.
Deine Wimpern flackern.
Geprägte Bilder fluten deine Kammer und ich frage mich, wie schnell dein Herz gerade schlägt.
Ich streiche über das holprige Bild, welchem du dich ruhelos widmest und ich fühle ihre Stimmen. Strafend beißen sie in die Spitzen meiner Finger.
Hier ist etwas schiefgegangen, nicht wahr?
Unschuldig fragen sie, ob der Fehler bei dir liegt. Rhetorisch, voller Urteil. Auch hier. Auch bei dem Dritten und Vierten. Sie schreien dir deine Fehler entgegen.
Mein Ohr an die raue Oberfläche gepresst, versuche ich dich zu hören. Wo bist du? Sie können nicht allein in deinen Bildern sein. Ich muss mich konzentrieren, um deine Wärme inmitten der Kühle deiner Barriere zu finden.
Ich finde deinen Geruch.
Der Duft deiner immer sonnengewärmten Haut, deine Nähe, deine Umarmung und dann endlich deine Worte.
Ich weine mit dem verzweifelten Klang deiner Stimme.
„Was stimmt nicht mit mir?“, fragst du leise.
Plötzlich sind unsere beiden Herzen in Eile.
Abrupt beginnen deine Bilder zu rasen. Überstürzt verschwinden sie in den Ecken deiner Kammer. Deine Bewegungen überschlagen sich und wie deine Stimme zerreißt, so möchte ich diese Bilder zerreißen – sie mitsamt deiner Kammer in Brand stecken und ihre zermalmenden Stimmen tief im Rachen ersticken!

Doch wären wir heute nicht hier, wären diese Stimmen stumm. Wären deine Bilder, oder meine eigenen, nur einen Wimpernstrich anders.
Dachtest du, du schreckst mich ab? Nach all den Jahren, die in diesen Sekunden fließen?
Das sind nicht deine Stimmen und Lichtjahre sind sie von meinen für dich entfernt.
Ich werde deine Bilder nicht zerstören. Du wirst noch so vieles malen, mit all unseren deckenden Farben. Wundervolles werde ich dir sagen, sooft und laut ich kann.
„Ich liebe wer du bist.“
Das wollte ich dir sagen.

 


2 comments on “Mit dir in deiner Kammer

  1. Tolle Geschichte, schön zu lesen.

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